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Mittwoch, 27. Juni 2012

Einwanderer starten Aufholjagd


Regierungsbericht
Die Zahl der Schulabbrecher sinkt, immer öfter gehen Einwandererkinder in eine Kita, immer mehr machen Abitur: Im Bildungswesen zeichnet sich laut Ausländerbericht der Regierung eine Aufholjagd ab. Auf dem Arbeits -und Ausbildungsmarkt allerdings ist die Lage verheerend.

Berlin - "Deutschland schafft sich ab" - mit diesem provokanten Buchtitel sorgteThilo Sarrazin vor zwei Jahren für Aufregung. Nun gibt es neue Fakten zum Stand der Integration in Deutschland. Auf mehr als 650 Seiten hat die Bundesregierung in ihrem 9. Bericht über die "Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland" Zahlen und Studien zusammengestellt.
Wie leben Deutschlands Migranten? Was lernen sie, auf welche Schulen gehen sie, wie viel Geld haben sie? Engagieren sie sich in der Gesellschaft? Und: Gibt es immer noch die großen Unterschiede zwischen den "Urdeutschen" und den "Migranten"?
Fest steht: Die apokalyptischen Sarrazin-Thesen lassen sich anhand des Berichts nicht belegen. Im Gegenteil: Von einem Aufholen der Einwanderer ist in dem Bericht von Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) die Rede. Die wichtigsten 
Ergebnisse der Studie im Überblick:



Bevölkerung: Die Zahl der Einwanderer, die in Deutschland leben, ist in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. 2010 kamen in Deutschland 15,7 Millionen Menschen aus einer Zuwandererfamilie (100.000 mehr als im Jahr 2008). Die größte Zuwanderergruppe stellen nach wie vor Menschen aus der Türkei. Die meisten Migranten haben die deutsche Staatsbürgerschaft, und die Zahl der Einbürgerungen ist im Berichtszeitraum wieder gestiegen: Nachdem sie im Jahr 2008 auf 94.470 gefallen war, stieg sie 2009 auf 96.122 und 2010 weiter auf 101.570.

Altersstruktur: Zuwanderer sind im Schnitt deutlich jünger - ihr Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren (statt bei 45,9 Jahren in der deutschen Mehrheitsgesellschaft). Bei den unter fünfjährigen Kindern haben in Deutschland mehr als ein Drittel einen Migrationshintergrund - ihr Anteil steigt immer weiter. Besonders viele kleine Kinder aus Einwandererfamilien leben in den Großstädten.

Zuwanderung: Im Jahr 2011 sind insgesamt rund 240.000 Menschen mehr aus dem Ausland zugezogen als ins Ausland abwanderten. Laut dem Bericht konnte zuletzt im Jahr 2001 ein vergleichbar hoher Zuzug festgestellt werden. Als Grund dafür wird die Arbeitnehmerfreizügigkeit seit Mai 2011 für Bürger aus den acht Ländern, die 2004 der EU beigetreten sind, genannt. Aber auch die Euro-Krise spielt eine Rolle. So kamen im Jahr 2011 deutlich mehr Einwanderer aus Griechenland und Spanien nach Deutschland als im Jahr 2010.

Kitas und Kindergärten: Immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund besuchen Kindertagesstätten. Die Betreuungsquote der Kinder aus Einwandererfamilien ist zwischen 2008 und 2011 um 53 Prozent gestiegen (von 9,1 auf 14 Prozent). Bei Kleinkindern ohne Migrationshintergrund beträgt die Steigerung 39 Prozent - von ihnen besuchten 2011 30 Prozent eine Krippe. Ein großes Problem bei der frühkindlichen Förderung: Es gibt eine starke Segregation. Viele Kinder, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, gehen auch in eine Kita, in der die meisten Kinder ebenfalls aus anderssprachigen Elternhäusern kommen. Im Kindergartenalter zwischen drei und sechs Jahren wird auch der Großteil der Kinder aus Einwandererfamilien nicht zu Hause betreut - auch hier ist die Quote in den vergangenen drei Jahren noch gestiegen. 2011 gingen 85 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund in einen Kindergarten und 97 Prozent der Kinder aus Familien, die aus Deutschland stammen. Die Zahlen sind in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich: So sind in Hamburg und Schleswig-Holstein die Unterschiede zwischen Migranten und aus Deutschland stammenden Kindern am größten.

Schule: "Schrittweise nähern sich die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund jenen ohne Migrationshintergrund an", heißt es in dem Bericht. Der Anteil der ausländischen Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sank von 2004 bis 2010 um 39 Prozent - ist aber trotzdem mit 12,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei den deutschen Schülern. In dem Bericht werden in diesem Punkt allein Ausländer und Deutsche unterschieden, weil in der Schulstatistik nur Nationalitäten erfasst werden - unabhängig vom Migrationshintergrund. Noch immer gibt es starke Unterschiede in den Schulformen. Überproportional viele Ausländer (33 Prozent, bei den Deutschen 12 Prozent ) gehen auf eine Hauptschule - ihr Anteil an den Gymnasiasten ist mit gut einem Viertel weit unterdurchschnittlich. Aber in der Mitte treffen sich beide Gruppen: Die Verteilung auf der Realschule hat sich angeglichen. Und: Der Anteil der ausländischen Schüler, die Abitur oder Fachabitur machen, ist zwischen 2005 und 2010 deutlich gestiegen, um insgesamt 36 Prozent. Bei den Nationalitäten gibt es große Unterschiede: Schüler, die aus Russland stammen, sind unter den Migranten am häufigsten auf einem Gymnasium - am schlechtesten stehen bildungsmäßig türkische und italienische Schüler da. Vor allem die soziale Herkunft ist dem Bericht zufolge hierfür entscheidend.

Ausbildung: Eine Trendwende auf dem Ausbildungsmarkt für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist dem Bericht zufolge noch nicht erreicht - trotz der guten Entwicklungen bei der Schulbildung. Ende Dezember 2010 lag der Ausländeranteil an allen Auszubildenden bei nur 5,1 Prozent - obwohl die Ausländerquote bei den 15 bis 24 jährigen insgesamt 10,6 Prozent beträgt. Jungen Migranten gelingt es nach wie vor deutlich seltener als Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, nach der Schule eine berufliche Ausbildung zu absolvieren, so der Bericht. Das sei auch darauf zurückzuführen, dass Arbeitnehmer bei Einstellungen immer noch häufig pauschal über die Gruppe der Migranten urteilten. So werde etwa ein niedriger Schulabschluss in Verbindung mit weniger Leistungsfähigkeit und Motivation gebracht. "Problematisch ist, dass diese Eigenschaften dann der gesamten Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zugeschrieben werden, da sie wesentlich häufiger über eine geringe schulische Qualifikation verfügen als diejenigen ohne Migrationshintergrund", so der Bericht . Dramatisch bleibt: Immer noch hatten im Jahr 2010 fast ein Drittel der Migranten im Alter von 25 bis unter 35 Jahren keinen Berufs- oder Hochschulabschluss - dreimal so viele wie bei den Gleichaltrigen, deren Familien aus Deutschland stammen. Dagegen hat sich die Zahl der ausländischen Hochschulabsolventen in Deutschland seit Ende der neunziger Jahre mehr als verdreifacht.

Arbeitslosigkeit: Migranten sind immer noch deutlich häufiger arbeitslos als die Gesamtbevölkerung. Zwar sank im Zeitraum 2005 bis 2010 die Arbeitslosenquote bei Einwandern insgesamt sehr deutlich von 18,1 Prozent auf 11,8 Prozent (im Vergleich: in der Gesamtbevölkerung von 11,3 Prozent auf 7,1 Prozent). Am häufigsten sind Migranten ohne deutschen Pass ohne Job - aber auch hier gibt es leichte Verbesserungen. Bei Ausländern ging die Arbeitslosigkeit von 2010 bis 2011 von 18,2 auf 16,9 Prozent zurück. Aber: Insgesamt konnten Migranten von der guten Konjunkturentwicklung weniger profitieren als Arbeitnehmer aus deutschen Familien - der Abstand zwischen beiden Gruppen wird immer größer.


Armut: Das Armutsrisiko ist bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund dreimal höher. Einwanderer müssen laut Bericht mehr als doppelt so häufig von einem geringen Einkommen leben als Personen ohne Migrationshintergrund (26,2 Prozent gegenüber 11,7 Prozent). Im Jahr 2010 mussten mehr als 60 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund mit weniger als 2600 Euro im Monat auskommen. Bei Familien ohne Migrationshintergrund waren es 44 Prozent.

Kriminalität: Auch neue Zahlen über Kriminalität bei Ausländern gibt es in dem Bericht - sie sind allerdings den Autoren zufolge wenig aussagekräftig. So stieg 2010 der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen im Vergleich zum Vorjahr von 21,1 Prozent auf 21,9 Prozent. Die Zahl der nichtdeutschen Verurteilten stieg 2010 minimal von 169.315 auf 169.667. Daraus zu schließen, dass in Deutschland lebende Ausländer deutlich häufiger kriminell würden, sei aber unzulässig, heißt es in dem Bericht - denn es würden auch Durchreisende, Touristen, Grenzpendler und Illegale in der Kriminalstatistik erfasst. Außerdem heißt es in dem Bericht: Ausländern seien "im Vergleich zur deutschen Wohnbevölkerung deutlich jünger und der Anteil von Frauen ist geringer. Sie leben vermehrt in Großstädten, gehören eher unteren Einkommensschichten an, das Bildungsniveau ist insgesamt deutlich niedriger, die Arbeitslosigkeit hingegen höher. Diese Faktoren begünstigen eher kriminelles Verhalten."



Montag, 11. Juni 2012

Facebook-Abstimmung krachend gescheitert



Nur 0,04 Prozent Wahlbeteiligung
Was viele befürchtet hatten, ist eingetreten: Die Abstimmung über die zukünftigen Datenschutzrichtlinien des weltgrößten sozialen Netzwerks Facebooks ist an der geringen Wahlbeteiligung gescheitert. 350.000 User stimmten ab, notwendig gewesen wären 270 Millionen. Jetzt soll das Wahlverfahren überarbeitet werden.

Eine Woche lang hatten die mehr als 900 Millionen Facebook-Nutzer Zeit, um über neue Regeln für das soziale Netzwerk abzustimmen. Letztlich interessierte sich aber kaum jemand für die Partizipationsmöglichkeit: Als die Befragung am Freitag um 18.00 Uhr zu Ende ging, hatten nur gut 0,04 Prozent der Nutzer abgestimmt. Damit das Ergebnis bindend ist, hätte sich nach 
Facebooks Regeln ein Drittel der aktiven Nutzer des Netzwerks beteiligen müssen - also etwa 270 Millionen Menschen.


Facebook hatte die neuen Regeln in dieser Fassung im Mai vorgestellt und darin unter anderem genauer erklärt, welche Informationen über Nutzer gespeichert werden. Nutzer hatten daraufhin mit Tausenden Kommentaren eine Abstimmung über die Änderungen erzwungen. Der Widerstand ging maßgeblich von der Initiative Europe v. Facebook aus. Sie beanstandete beispielsweise, dass Facebook Nutzerdaten unnötig lange speichere. Facebook schrieb dazu in seinem Entwurf, Daten würden so lange gesichert, wie sie für die Bereitstellung der Dienste gebraucht würden.

Abstimmungsprozess soll überarbeitet werden

Die im Internet veröffentlichten Gegenvorschläge standen allerdings nicht zur Wahl. "Uns hat überhaupt gewundert, dass sie die Abstimmung machen", sagte Max Schrems von Europe v. Facebook. Er warf Facebook vor, Nutzer nicht ausreichend über die Abstimmung informiert zu haben. So erfuhren nur diejenigen davon, die eine bestimmte Facebook-Seite durch einen Klick auf den "Gefällt mir"-Knopf abonniert haben. "Es ist eine totale Farce, was da abgeht", sagte Schrems. Er wusste, dass das Quorum von 270 Millionen Nutzern kaum zu erreichen sein würde. "Uns geht es eher darum, aufzuzeigen, dass sie das nicht einfach machen können", sagte Schrems in Bezug auf die Änderung der Nutzungsbedingungen.Schrems hatte bereits im August 2011 Verstöße gegen europäische Datenschutzbestimmungen bemängelt. Daraufhin hatte das Unternehmen die neuen Richtlinien vorgestellt.Bei der am Freitag zu Ende gegangenen Wahl stimmten mehr als 80 Prozent für die bestehenden Bedingungen. Facebook hatte bereits zuvor erklärt, bei zu geringer Beteiligung werde das Ergebnis als "konsultativ" betrachtet. Die offiziellen Resultate will das Unternehmen am Samstag bekanntgeben. Dass bei über 900 Millionen Mitgliedern eine Beteiligung von 30 Prozent der Nutzer nicht mehr realistisch ist, bemerkte offenbar auch Facebook. Der 2009 eingeführte Abstimmungsprozess soll nun überarbeitet werden, kündigte der für Marketing zuständige Facebook-Manager Elliot Schrage an. Dabei soll geprüft werden, "ob dieser Prozess der Größe unserer Gemeinschaft und der Größe von Facebook insgesamt noch gerecht wird". "Wir nehmen Ihre Einblicke und Sorgen ernst", teilte Schrage den Nutzern mit.


Donnerstag, 7. Juni 2012

Mythos Almanya – Aufbruch ins Gelobte Land



Ein Buchvortrag von dem Autor Eyyup Avci, der 1963 in der anatolischen Kommagene geboren ist und seit 1976 in Deutschland lebt. Die Erzählungen über Almanya waren fassettenreich, insbesondere für die Ohren der anatolischen Kinder klangen sie so mythisch, dass viele von ihnen an ein bezauberndes Märchenland hinter den sieben Bergen glaubten. Neben den fürchterlichen Erzählungen gab es auch gute Sachen zu hören. So begaben sich einige von Ihnen dorthin, um den süßen Traum in Mythos Almanya für sich zu entdecken.


Eyyup Avci wurde 1963 in der anatolischen Kommagene geboren und emigrierte 1976 mit seinen Eltern und Geschwistern ins Titel gebende Gelobte Land (Deutschland). Der verheiratete Vater zweier Kinder lebt heute als freier Autor in München und engagiert sich für den interkulturellen Dialog sowie das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Kulturen seiner Hei-matstadt.
Thema des Abends ist: „Mythos Almanya – Aufbruch ins gelobte Land“
Die Moderation übernimmt Isa Güzel (Vorstandsvorsitzender IDIZEM e.V.).
Im Anschluss an die Veranstaltung möchten wir Sie zu einem Umtrunk einladen.
Wir freuen uns, Sie am Veranstaltungsabend begrüßen zu dürfen.

am Mittwoch, den 20. Juni 2012um 19.00 – 21.00 Uhr im Literaturhaus MünchenSalvatorplatz 1

Montag, 4. Juni 2012

Facebook lässt Mitglieder abstimmen

Neue Nutzungsbedingungen

Facebook fordert seine Nutzer auf, über die neuen Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien des sozialen Netzwerks abzustimmen. An das Ergebnis der Abstimmung will sich Facebook nach eigener Aussage halten - aber nur, wenn mindestens ein Drittel der 900 Millionen User teilnimmt.


Fast eine Milliarde Facebook-Nutzer sind seit Freitag dazu aufgerufen, über die Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien des sozialen Netzwerks abzustimmen. Allerdings geht man bei Facebook nicht davon aus, dass die Nutzerabstimmung eine bindende Handlungsanweisung hervorbringt.


Dafür müssten sich mindestens 30 Prozent der rund 900 Millionen Mitglieder beteiligen und in einemetwas versteckten Reiter auf der Site-Governance-Seite abstimmen. Sollte dieses Quorum wie erwartet nicht erreicht werden, betrachtet das soziale Netzwerk das Ergebnis lediglich als "konsultativ".
Seit Mai ist die neue Erklärung der Rechte und Pflichten sowie der Datenverwendungsrichtlinien bereits veröffentlicht. Bis 8. Juni können die Nutzer auf der Webseite Facebook Site Governance Vote ihre Stimme abgeben und die neuen Bedingungen annehmen oder ablehnen. Dann würden die alten Bedingungen in Kraft bleiben - allerdings nur, wenn Facebook sich auf das "konsultative" Votum einlässt. 

Wahl zwischen "Pest und Cholera"?

Die aktualisierte Erklärung enthält unter anderem neue Abschnitte, in denen Facebook erklärt, wie es die Informationen seiner Nutzer verarbeitet. Außerdem spiegeln sich darin Änderungen im Dienst wider, wie etwa die Einführung der Chronik. Die neuen Richtlinien eröffnen Facebook zudem die Möglichkeit, den Nutzern außerhalb der Facebook-Umgebung Werbung einzuspielen und damit Nutzen aus dem Wissen um deren Vorlieben und Hobbys zu ziehen.
Zuletzt hatte Facebook seine Nutzer 2009 über Richtlinien abstimmen lassen. Damals war das Unternehmen allerdings noch nicht an der Börse gelistet und hatte weniger als 200 Millionen Nutzer.
"Unsere Mechanismen zur Beteiligung können sich ändern, nicht aber unsere Verpflichtung zu Transparenz und Verantwortlichkeit", schrieb Facebooks Vizepräsident Elliot Schrage im Facebook-Blog. "Wir werden Wege finden, die Vorschläge und Sorgen unserer Nutzer dem Management nahe zu bringen."
Die Abstimmungsmöglichkeit sind in den Augen von Kritikern allerdings unzureichend. Der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems bezeichnete die beiden angebotenen in einem Interview mit dem Journalisten Richard Gutjahr Optionen als Wahl zwischen "Pest und Cholera"

Dienstag, 15. Mai 2012

"Es stimmt einen traurig"


Von Sven Loerzer

Geht die soziale Schere immer weiter auseinander? Eine neue Studie zur Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund alarmiert den Stadtrat. Die Übertrittsquoten in den Stadtviertel variieren zwischen 15 und mehr als 90 Prozent.



Ein deprimierendes Bild der Zusammenhänge zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft zeichnet der "Münchner Chancenspiegel Bildung". Das umfangreiche Zahlenwerk des Bildungsreferats dokumentiert, wie sehr das staatliche Schulsystem Kinder je nach Herkunft benachteiligt. "Für Kinder aus Migranten- und Arbeiterfamilien ist dieses System zum Verzweifeln", sagte SPD-Stadtrat Constantinos Gianacacos bei der Vorstellung des Zahlenwerks im Kinder- und Jugendhilfeausschuss. Die Stadt unternehme zwar vieles, um Bildungsgerechtigkeit herzustellen, aber solange der Freistaat keine Konsequenzen ziehe, werde dies nicht gelingen.
Die soziale Herkunft, gemessen an Bildungsstand und Kaufkraft, hat entscheidenden Einfluss auf den Bildungsweg. Steigt der Index für den sozialen Status an einer Grundschule um zehn Prozent, dann erhöht das die Übertrittsquote auf das Gymnasium um sieben Prozent. (© dpa)

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind an den Hauptschulen mit einem Anteil von 61,2 Prozent stark überrepräsentiert und an Gymnasien stark unterrepräsentiert (16,6 Prozent Anteil). Sie bleiben häufiger ohne Schulabschluss als ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, sie studieren erheblich seltener.
Die soziale Herkunft, gemessen an Bildungsstand und Kaufkraft, hat entscheidenden Einfluss auf den Bildungsweg. Steigt der Index für den sozialen Status an einer Grundschule um zehn Prozent, dann erhöht das die Übertrittsquote auf das Gymnasium um sieben Prozent, wies das Bildungsreferat nach.
Die Übertrittsquoten variieren zudem je nach Stadtteil zwischen 15 und mehr als 90 Prozent, so Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung haben schlechtere Bildungschancen, nur 9,8 Prozent der Schüler mit Förderbedarf besuchten allgemeine Schulen. Ungleichheiten bestehen immer noch in der Geschlechterverteilung.
"Die Zusammenhänge stimmen einen traurig", sagte SPD-Stadträtin Birgit Volk. "Gerade männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund gehören zu den Verlierern unseres Bildungssystems." Doch mit der Förderformel für die Kindertageseinrichtungen habe die Stadt die Herausforderung angenommen, "zielorientiert zu fördern, wo die größten Bedarfe sind".
Beatrix Burkhardt (CSU) hob hervor, "wir sind uns alle einig, dass Bildungsgerechtigkeit erreicht werden muss". Jugendamtschefin Maria Kurz-Adam machte deutlich, dass die Weichenstellungen nicht erst im Alter von zehn Jahren erfolgen, sondern bereits im Vorschulalter.
Die starren Grenzen des Schulsystems müssten endlich aufgehoben werden, sagte Dagmar Henn (Linkspartei), denn sie erzeugten Diskriminierung. Elsbeth Hülsmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband fand es "wohltuend, dass zumindest im Stadtrat fraktionsübergreifend Einigkeit herrscht in der Sichtweise der Probleme".
Das Bildungsreferat, so kündigte Peter Scheifele an, will noch vor der Sommerpause des Stadtrats ein Konzept für eine "bedarfsorientierte Budgetierung der Schulen" vorlegen. Damit soll analog zur Förderformel, die Kindertagesstätten je nach Belastungslagen mehr Geld für die Förderung der Kinder zuweist, ein Weg gefunden werden, um Benachteiligung durch individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen abzubauen.

Montag, 2. April 2012

Türkisch für Anfänger

Ein hessischer Schüler rührt in Ankara ein Millionenpublikum mit einem Gedicht – in einer Sprache, die er nicht versteht. Hinter der Türkischolympiade steckt eine muslimische Massenbewegung.







Nico hat seinen Auftritt am zweiten Tag gegen Mittag, gleich nach einem sehr blonden Mädchen, das Norwegen vertritt. Emotional soll er sein, hat man ihm gesagt. Das mögen die Türken. Deshalb hebt Nico jetzt die rechte Hand ans Herz. Er geht in die Knie und deklamiert die Strophen, die er wieder und wieder geübt hat. Von Blumen ist darin die Rede und von der Sehnsucht nach Heimat, die man nur in der Fremde verspürt. Was er genau vorträgt, versteht Nico freilich nicht. Schließlich kann er bis auf ein paar Brocken gar kein Türkisch. Nur dass sein Gedicht die Herzen rühren kann, weiß der Zwölfjährige. Als er es das letzte Mal vor Publikum vortrug, flossen Tränen.
Ein hessischer Junge, der auf Türkisch Verse vorträgt, obwohl er die Sprache nicht spricht. Ein modernes Megaevent, das jedes Jahr in der Türkei Millionen Zuschauer mit traditionellen Gedichten und Volksliedern begeistert. Ein weltweites muslimisches Bildungsnetzwerk, das offiziell weder einen Namen noch eine Adresse besitzt: Es ist eine eigenartige Geschichte, die Nico Weber, einen Realschüler aus Deutschland, auf eine Bühne in die Türkei verschlagen hat. Ihm selbst kommt sie bis heute vor wie ein orientalisches Märchen.
Diese Geschichte spielt in Gießen und Stuttgart, in Ankara und ein bisschen auch im amerikanischen Pennsylvania. Hier lebt ein Korangelehrter namensFethullah Gülen, der in seinen Schriften ein islamisches Gutmenschentum predigt – und die größte muslimische Bildungsbewegung der Welt begründet hat. Dazu gehört auch die »Internationale Türkischolympiade«, bei der Nico gegen Jugendliche aus der ganzen Welt antritt. Sie alle kämpfen um den Titel des besten Interpreten türkischen Kulturguts.
Weder Nico noch seine Eltern haben von Fethullah Gülen jemals gehört. Ohnehin hatten sie bis vor einiger Zeit – bis auf einen Badeurlaub – nichts mit der Türkei zu tun. Sie kannten nur Abdurahman. Abdu, wie er genannt wird, geht mit Nico gemeinsam in eine Klasse. Er ist sein bester Freund. Eines Tages fragte Abdu, ob Nico nicht bei einer »Türkischolympiade« mitmachen wolle. Seit 2003 gibt es diesen internationalen Wettbewerb, eine Art »Die Türkei sucht den Superstar« der Volksmusik. Neben türkischstämmigen Teilnehmern aus dem In- und Ausland gehen auch immer Nichtmuttersprachler aus der ganzen Welt ins Rennen.
Abdu schien die Sache irgendwie wichtig zu sein. Und so sagte Nico zu. Ein türkisches Heimatgedicht wurde ausgesucht, und Nico lernte die fremden Verse auswendig. Er übte die Betonungen, trainierte, seine Worte mit pathetischen Gesten zu unterstreichen – und schlug die Mitbewerber bei der Regionalentscheidung in Gießen aus dem Feld.
Vielleicht war es seine überraschend gute Aussprache, vielleicht die Art, wie der sonst eher schüchterne und verträumte Junge auf der Bühne aus sich herauskommt: Auch bei der nationalen Ausscheidung in Paderborn konnte er die Jury in seiner Kategorie überzeugen. Er gewann einen iPod, einen Laptop sowie die Einladung, für zwölf Tage zur Endrunde in die Türkei zu fliegen. »Da wurde uns das erste Mal etwas mulmig«, sagt Claudia Weber, Nicos Mutter.
Die Dimension des Unternehmens erahnen die beiden jedoch erst, als sie in Ankara ankommen. Schon am Flughafen begrüßen sie riesige Plakate: »Willkommen zur Internationalen Türkischolympiade«. Unzählige Busse und Privatwagen warten auf die Delegationen, die aus allen Ecken der Welt angereist sind. Türkische Kopftuchträgerinnen mischen sich unter Afrikanerinnen mit Rastalocken. Mexikaner tragen Riesensombreros, schmale Thaimädchen goldene Kronen. Eine bunt gewandete Truppe aus Südafrika geht an einem Bildschirm vorbei und kreischt auf: Gerade sieht sie ihre Ankunft auf dem Flughafen im Fernsehen.
Was vor knapp zehn Jahren als Zusammenkunft türkischer Auslandsschulen mit einigen Dutzend Teilnehmern begann, ist zu einem nationalen Großereignis angewachsen. Die Medien berichten jeden Tag, zur Eröffnungsveranstaltung und zur Abschluss-Show erscheint das halbe türkische Kabinett. In der Woche dazwischen werden die Olympioniken per Bus und Flugzeug in die größten Städte des Landes befördert, um dort die Sportstadien mit ihren Folkloredarbietungen zu füllen.
Keiner der Teilnehmer muss für Flüge, Unterkunft oder Verpflegung bezahlen. Der Wettbewerb finanziert sich vor allem über Spenden – und die meisten Helfer arbeiten für umsonst. Oder besser gesagt: für Gotteslohn. Nico und seine Mutter zum Beispiel fährt ein Geschäftsmann aus der Baubranche in seinem Privatwagen ins olympische Dorf und lädt sie auch gleich noch zum Essen ein.
Der Grund für seine Freundlichkeit ist hizmet. So nennen die Gefolgsleute von Olympiade-Gründer Fethullah Gülen ihren Dienst an der Gesellschaft. Der türkische Prediger interpretiert den Islam als Religion der guten Tat. Der Mensch soll sein Schicksal nicht passiv im Gebet erdulden, sondern die Welt zum Besseren verändern, egal, ob als Lehrer oder Unternehmer, Journalist oder Ingenieur.
Der heute 70-jährige Gottesmann hat in den vergangenen drei Jahrzehnten eine muslimische Massenbewegung inspiriert. In der Türkei sollen über zehn Millionen Menschen seiner Botschaft folgen. Ein Medienimperium mit der größten Tageszeitung des Landes (Zaman) an der Spitze verbreitet dort seine Ideen. Darüber hinaus betreibt »die Bewegung«, wie sie sich nennt, Banken, Hotels und Krankenhäuser.
Die Gruppierung sei »sehr groß, sehr stark und sehr reich«, schreibt die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh, deren Studie über die Bewegung gerade auf Deutsch erschienen ist. Zehn Prozent ihres Einkommens stiften viele Anhänger Gülens einer guten Sache. Weltweit kommen dabei riesige Summen zusammen.
Das meiste Geld fließt in Bildungsprojekte. Mehr als tausend Oberschulen und Dutzende Universitäten haben Gülen-Anhänger weltweit gegründet, unter anderem auch in Berlin, Mannheim und Köln. Wann immer Türken irgendwo auf der Welt ein Gymnasium, einen Kindergarten oder eine Nachhilfeeinrichtung eröffnen, ist dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ihn zurückzuführen: den Hoçaeffendi (»verehrten Lehrer«), dessen bekannteste Parole »Baut Schulen statt Moscheen« lautet.
Die meisten Teilnehmer der Türkischolympiade sind – anders als Nico – Schüler der Gülen-Schulen. Am ersten Abend haben sie im Ankaraer Altn-Park, einem Freizeitareal in der türkischen Hauptstadt, ihren ersten großen Auftritt. Heute Abend sollen sie zeigen, was ihr Land ausmacht. Tausende jubeln, als die 130 Delegationen in landestypischer Kleidung auf die Freilichtbühne stürmen. Darunter ein blonder Junge in Lederhosen: Nico. Drei Fernsehsender berichten live.
Sie zeigen einen internationalen Musikantenstadl. Jugendliche Russen tanzen Kasatschok, aus den USA gibt es Cowboysongs. Anatolische Liebeslieder, vorgetragen von jungen Afrikanerinnen, kommen am besten an. Der Moderator, ein bekanntes Gesicht aus dem Fernsehen, beschwört mit pathetischer Stimme »Völkerverständigung«, »Dialog« und »Frieden zwischen den Menschen«, eine der Hauptbotschaften Fethullah Gülens.
Dessen Name jedoch taucht bei der Türkischolympiade – wie auch in den Schulen der Bewegung – an keiner Stelle auf, geschweige denn seine Schriften oder gar sein Bild: das lächelnde Großvatergesicht mit dem Schnauzbart. Nur einmal sendet Ankaras Bürgermeister dem »verehrten Lehrer« wie beiläufig einen Gruß in die USA. Die Menschen danken es ihm mit frenetischem Beifall.
»Gülen inspiriert uns, viele von uns sind sehr gläubig. Aber mit Religion hat die Türkischolympiade nichts zu tun«, versichert Taner Ünal von »Academy«. Der Verein koordiniert die Bildungsaktivitäten der Bewegung in Deutschland. Von Frankfurt aus gibt er Organisationshilfe bei der Gründung neuer Schulen, vermittelt Lehrer, erstellt Unterrichtsmaterial. Zugleich organisiert Academy den Wettbewerb in Deutschland – wozu es sich wiederum auf Mitarbeiter aus den anderen Einrichtungen der Bewegung verlassen kann. Auf Freiwillige wie Ufuk Karakoz zum Beispiel. Der Zwanzigjährige ist ein schmaler, gut frisierter junger Mann mit fast altmodisch korrekten Manieren und einem Flaum auf der Oberlippe. Sieht man ihn neben Nico, könnte man ihn fast für einen Klassenkameraden halten. Dabei war er für ein halbes Jahr sein Türkischlehrer. Einmal die Woche, am Ende öfter, bereiteten die beiden Nicos Auftritte vor. Von Religion sei kein einziges Mal die Rede gewesen, sagen beide.
Ufuk war ein guter Lehrer, der viel lobte und auch dann nicht die Geduld verlor, wenn Nico nach 90 Minuten von den fremden Versen der Kopf schwirrte. Meist trafen sich die zwei im Optimum, einem Nachhilfezentrum in Gießen. Hier machen Schüler – die meisten stammen aus Migrantenfamilien – Hausaufgaben und bereiten sich auf Klausuren vor. Rund 140 solcher Einrichtungen zählt die Bewegung in Deutschland. Auch Ufuk hat in einem solchen Verein in Berlin Förderstunden in Mathe und Deutsch bekommen. Ohne sie hätte er sein Abitur wohl nicht bestanden. Nun studiert er auf Lehramt und gibt seine Erfahrungen bei Optimum weiter: als Nachhilfekraft und Jugendbetreuer. Mit seiner Gruppe geht er Fußball spielen oder ins Museum. Auch Abdu ist dabei, Nicos Freund aus der Schule.
In Deutschland hat man den Wettbewerb vor drei Jahren umbenannt. Türkischolympiade hörte sich zu nationalistisch an. Es klang nach Abschottung. Nun heißt es Deutsch-türkische Kulturolympiade. Bei der Abschlussveranstaltung in der Porsche-Arena in Stuttgart moderierte man erstmals zweisprachig. Und neben dem Türkischwettbewerb gab es nun auch einen Deutschwettbewerb.
In Stuttgart trat Guten Abend, gut’ Nacht gegen Heidi an, gesungen von Schülern aus Migrantenfamilien. Jugendliche trugen die Mephisto-Szene aus Goethes Faust vor. Und Mütter mit Kopftuch schwenkten die deutsche Fahne. Die anwesende einheimische Politprominenz zeigte sich beeindruckt von solch beflissener politischer Korrekt-heit. SPD-Landeschef Nils Schmid fand lobende Worte auf Tür- kisch. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) sprach von einem »wunderbaren Beispiel der Integration«.
Die Organisatoren vernahmen es mit Wohlgefallen. Anders als die meisten islamischen Gruppierungen, die dem deutschen Staat misstrauisch gegenüberstehen, sucht die Bewegung bewusst seine Nähe. Und nichts freut die Gülen-Anhänger mehr, als alles richtig zu machen. Sie agieren äußerst anpassungsfähig, sind lernbegierig und von fast preußischer Zuverlässigkeit und Disziplin. Wie in der Türkei stammen viele deutsche »Fethullahçis« aus einfachen Familien. Mit Bildungseifer und Pflichtbewusstsein haben sie sich hochgearbeitet. Statt über Diskriminierung zu klagen, fragen sie eher, was sie besser machen können. Gäbe es einen Wettbewerb »Deutschland sucht den Mustermuslim« – der Sieger wäre ein Gülen-Anhänger.
Bei der Türkischolympiade in Ankara repräsentieren sie ihr Land an einem Stand mit einer ICE-Modelleisenbahn. Geduldig umkurvt sie Gartenzwerge, Kuckucksuhren und Vereinsembleme aus der Fußballbundesliga. Poster von Einstein, Cem Özdemir und Mesut Özil schmücken die Stellwände. Den Besuchern der Völkerschau – wieder sind es weit über hunderttausend – scheint das zu gefallen. In riesigen Trauben drängen sie sich vor dem deutschen Stand. Sie bestaunen kleine Automodelle der bekannten Marken aus Wolfsburg und Stuttgart, setzen sich Schultüten aus der Deutschland-Deko auf den Kopf, weil sie sie für Hüte halten, und machen Fotos.
Besonders Nico hat es ihnen angetan. Er hat unter leichtem Protest noch einmal seine Lederhosen angezogen. Immer wieder muss er in Handykameras lächeln. Nach zwei Stunden ist er genervt. In der Halle ist es heiß, das Deutschland-Repräsentieren zehrt an den Kräften. Inzwischen weiß Nico, dass er nicht zu den Siegern gehören wird. Die norwegische Konkurrentin war wohl besser. Dennoch rafft er sich noch einmal auf, sein Gedicht auf einer der vielen Messebühnen vorzutragen. Als die Hintergrundmusik erklingt, fällt die Müdigkeit von ihm ab. Plötzlich ist er ganz locker. Das Publikum jubelt und fordert eine Zugabe. Wenn ihn doch nur Ufuk sehen könnte, sein Lehrer! Er konnte wegen mehrerer Uni-Klausuren nicht mit in die Türkei. Aber täglich hat er angerufen. Er wäre jetzt sehr zufrieden mit seinem Schüler.
Mittlerweile laufen die Vorrunden zur Zehnten Olympiade. Statt zwölf Regionalwettbewerbern sind es in diesem Jahr vierzehn, statt 6000 Besuchern wie in Stuttgart hofft man in Frankfurt zur Endausscheidung in der Messefesthalle auf 8000. Auch die Kanzlerin hat natürlich wieder eine Einladung bekommen, wie alle anderen Mitglieder des Kabinetts. Sie wird wie in den Jahren zuvor wieder absagen.
Dafür wird Nico wohl dabei sein. Die fremde Sprache hat er nicht weitergelernt. Der Ausflug in die türkische Welt aber ist ihm für immer in Erinnerung geblieben. Von türkischen Ladenbesitzern in Gießen wurde er angesprochen; sie hatten ihn aus dem Fernsehen wiedererkannt. Sein Schulleiter kam in den Unterricht, um ihn zu beglückwünschen. Auch seine Mitschüler fanden es irgendwie cool. In Frankfurt ist für ihn bereits ein Platz im VIP-Bereich reserviert.
Quelle: Die Zeit



Dienstag, 27. März 2012

Nichts ist unpolitisch


Buchvorstellung und Diskussion mit der Religionssoziologin Helen Rose Ebaugh


Der Theatersaal im Münchner Amerikahaus war bis auf den letzten Platz besetzt, als die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh am Samstag, dem 24. März ihre empirische Studie zur Gülen-Bewegung vorstellte. Ziel der in den 1960er Jahren von Fethullah Gülen ins Leben gerufenen Bewegung ist, sozial benachteiligten jungen Menschen durch Bildung neue Perspektiven zu bieten. Weltweit wird die Gülen-Bewegung von über zehn Millionen Menschen meist türkischer Herkunft unterstützt und unterhält Einrichtungen in etwa 120 Ländern. Auch in Deutschland, wo die Bewegung, die sich selbst Hizmet (Dienst) nennt, nicht unumstritten ist, betreibt sie mehrere Schulen. Immer wieder jedoch sieht sich die Bewegung mit dem Vorwurf konfrontiert, eine geheime islamistische Agenda zu verfolgen.

Ebaugh hingegen sieht die Gülen-Bewegung durchweg unkritisch. In ihrer fünfjährigen Forschungsarbeit beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit den beiden Fragen "Woher kommen die finanziellen Mittel der Gülen-Bewegung?" und "Was motiviert die Freiwilligen zu ihrem großen Engagement?". Bei Forschungsreisen führte sie Interviews mit 103 Unterstützern aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Die Frage nach dem Ursprung der finanziellen Mittel sei schnell beantwortet gewesen, erzählt Ebaugh. So sei es bei Unterstützern üblich, zwischen 5 und 20 Prozent des Jahreseinkommens zu spenden. Und da sich viele erfolgreiche Geschäftsmänner unter ihnen befinden, betragen die Spenden oft auch mehrere Millionen. Diese gute finanzielle Ausstattung erlaube es der Gülen-Bewegung, ihre zahlreichen Bildungseinrichtungen gut auszustatten und Jugendlichen, die sonst wenig Chancen hätten, eine exzellente Ausbildung zu ermöglichen.

Die große Motivation der Mitglieder sieht Ebaugh unter anderen in der horizontalen netzwerkähnlichen Organisation der Bewegung, die sich aus vielen kleinen, hoch motivierten Gruppen von etwa 10 bis 15 Mitgliedern zusammensetzt. Ebaugh schildert die Gülen-Bewegung als moderat islamisches Netzwerk ohne konkrete politische Ziele, die von Zielen und Beweggründen her mit vielen religiösen Bewegungen anderer Glaubensrichtungen vergleichbar sei. Die drei Alleinstellungsmerkmale seien lediglich, dass sie ihren Ursprung in der Türkei habe, dass sie islamisch sei und ihre Organisation horizontal organisiert. Aufgrund dieses Fehlens jeglicher hierarchischer Strukturen sei es auch so schwierig, konkrete Angaben über Aktivitäten und Unterstützer zu erhalten – was in der Öffentlichkeit oft als fehlende Transparenz bemängelt würde.

Im Anschluss an den Vortrag Ebaughs wurde bei den Fragen des Publikums unter anderem der Vorwurf, die Gülen-Bewegung betreibe intensive politische Meinungsbildung angesprochen. Ebaugh räumte unter dem Stichwort "nothing ist non-political" ein, dass eine derart große und reiche Bewegung natürlich das Potenzial habe, politisch aktiv zu werden. Jedoch bekräftige sie, dass sie derzeit keinerlei Anzeichen für eine politische Aktivierung sehe. Vielmehr sei es Ziel der Gülen-Bewegung, durch gute Bildung aller Bürger die Grundlage für eine starke Demokratie zu schaffen.




Helen Rose Ebaugh ist Professorin für Religionssoziologie und Erforschung der Weltreligionen an der University of Houston. Ihr 2009 in den USA veröffentlichtes Buch , in dem sie anhand von Interviews und Besuchen vor Ort die Gülen-Bewegungbeschreibt, erschien 2012 unter dem Titel "Die Gülen-Bewegung – Eine empirische Studie" auf Deutsch.


Das Interkulturelle Dialogzentrum e. V. (IDIZEM) engagiert sich seit 2001 in München und Umgebung für den Dialog der Kulturen und Religionen. Für sein Engagement wurde IDIZEM im Jahre 2006 mit dem Ökumeneförderpreis und im Jahre 2007 mit dem Preis „Münchner Lichtblicke“ ausgezeichnet.